B.K.S. Iyengar


Guruji

14. Dezember 1918 - 20. August 2014

B.K.S. Iyengar war einer der bedeutendsten und wohl der einflussreichste Yogameister unserer Zeit. Er widmete sich mehr als achtzig Lebensjahre dem Studium und der Weiterentwicklung des Yoga, verfasste zahlreiche Bücher und Schriften und machte bereits Mitte des vergangenen Jahrhunderts den Yoga im Westen bekannt. Sein berühmtestes Werk ‚Licht auf Yoga’, 1966 erschienen, prägt bis heute Generationen von Übenden und gilt weltweit als Standardwerk des Yoga. Patanjali, ein indischer Gelehrter und der Verfasser des Yogasutras, des klassischen Leitfadens des Yoga, definierte den Ashtanga, den achtgliedrigen Yogaweg, auf dem B.K.S. Iyengar sein System aufbaut. Es ist ein System der Selbsterfahrung und ein System des Lebens. Es steht jedem offen, der die Bereitschaft und die Disziplin aufbringt, es zu praktizieren. Der letzte Großmeister des Yoga starb im August 2014. Ohne Zweifel war Yoga sein Atem selbst. Sein Leben war von dieser Kunst, Wissenschaft und Philosophie durchdrungen.


Geeta und Prashant Iyengar

Geeta Iyengar (*1944, Pune/Indien), die älteste Tochter von B.K.S. Iyengar, begann im Alter von 10 Jahren unter der Anleitung ihres Vaters Yoga zu üben. Seit 1961 unterrichtet sie selbst Iyengar Yoga und legt ein besonderes Augenmerk auf die spezifischen Bedürfnisse von Frauen. 
Heute wird die erfahrene Yogalehrerin, studierte Philosophin und promovierte Ayurveda-Gelehrte als resolute, korrekte und humorvolle Persönlichkeit weltweit sehr geschätzt. Ihr Buch "Yoga für die Frau" gilt als Standardwerk auf diesem Gebiet.

Prashant Iyengar (*1950, Pune/Indien), der Sohn von B.K.S. Iyengar, besitzt ein fundiertes Wissen über die Philosophie und die alten Schriften und Texte, die dem Yoga zugrunde liegen. Er leitet heute gemeinsam mit seiner Schwester das Ramamani Iyengar Memorial Institute in Pune.

Anruf an Patanjali

 yogena cittasya padena vacam


malam sarirasya ca vaidyakena


yo pakarottam pravaram muninam


patanjalim pranjaliranato smi


abahu purusakaram


sankha cakrasi dharinam


sahasra sirasam svetam


pranamami patanjalim

hari om

 

>> Ich verneige mich vor dem Edelsten der Weisen, Patanjali,

der durch sein Werk über Yoga geistige Ruhe,

durch seine Arbeit über Grammatik Klarheit der Sprache

und durch sein Werk über Medizin Reinheit des Körpers brachte.
Ich grüße Adishvara, Shiva, den Herrn von Ewigkeit an,

der zuerst die Wissenschaft des Yoga lehrte.

 Ein Wissen, das eine Leiter für die Menschen bildet,

die zu den Höhen des Raja-Yoga aufsteigen wollen. <<



„Ich hoffe zutiefst, dass mein Ende Dein Anfang sein kann.“

Artikel über unseren Aufenthalt 2014 in Pune, von Nici Zirn & Conni Kammerer

erschienen in der Abhyasa , Verbandszeitschrift des IYD eV

„Abhinivesa heißt, sich ans Leben zu klammern, es ist ein fehlgeleiteter Instinkt, der sich aber durch Yoga-Praxis in intuitive Erkenntnis und Einsicht umwandeln lässt. Bei der Übung von Asana, Pranayama und Dhyana dringt der Sadhaka tief in sein Inneres vor. Dabei erlebt er den Strom der Intelligenz und der Energie des Selbst als Einheit, und jetzt erkennt er, dass zwischen Leben und Tod kein Unterschied besteht - sie sind nur die zwei Seiten derselben Münze. Der Strom des Selbst, die Lebenskraft, die den Menschen während seines physischen Daseins erhält, geht im Universum auf, wenn er seinen Körper verlässt. Sobald der Sadhaka das begreift, gibt er den Wunsch zu leben auf und er überwindet die Todesfurcht. das befreit ihn von Sorgen und Leiden und bringt ihn Kaivalya näher.“               

                                                                                                                                                        (B.K.S. Iyengar: Der Urquell des Yoga, Kommentar II,9)

Als wir am 31.Juli in Pune angekommen sind, wussten wir bereits dass es Guruji nicht gut geht. Es war sehr ungewohnt ihn nicht in der Halle mit allen anderen Übenden oder während des Unterrichts praktizieren zu sehen. Sein Platz war leer und mit diesem Anblick mussten wir uns erst einmal vertraut machen. Der Unterricht lief ab wie gewohnt und jeder am Institut war bemüht, dass alles seinen normalen Lauf nahm. In der ersten Woche sahen wir wie die Familie sich um Guruji kümmerte, vor und nach dem Unterricht und Üben liefen wir am Haus vorbei und sahen ihn in seinem Zimmer, dass er vom ersten Stock ins Erdgeschosses verlagert hatte. Abhijata war sehr viel bei ihm, wusch ihn abends und zog ihn wieder an, ihr Bruder Harid versuchte ihm abends mehrmals die Sauerstoffmaske vors Gesicht zu halten, was Guruji jedoch vehement ablehnte und ihn immer wieder zurückwies. Er war offensichtlich sehr schwach und war im Vergleich zum letzten Mal, als wir ihn vor zwei Jahren in Pune sahen oder auch im Vergleich noch zu Bildern von seinem 95. Geburtstag im Dezember vergangenes Jahres sehr dünn geworden. Oft rannte Raja oder auch Abhijata während des Unterrichts oder auch während der Praxiszeiten durch die Halle und holten Hilfsmittel für Guruji und sich selbst. Er lag im Wohnzimmer und die beiden saßen bei ihm und übten gemeinsam. Wie Abhijata später auf dem Shraddanjali Programm am 30.August 2014 sagte, waren sie immer bereit auch nur bei der kleinsten Bewegung von ihm zu reagieren und ihm zu bringen was er brauchte. Er forderte sie auf zu praktizieren und Yoga zu üben, mehrmals sagte er zu ihnen: „Go practise, go pracitse!“. Abhijata erzählte auf dieser Trauerfeier, dass Guruji bis zum letzten Moment jede Minute geübt hat. Nachts konnte er nicht schlafen und forderte sie eines Abends auf, ihm zwei Viparitta Dandasana Benches zu holen, die er mit dem bauchigen Ende zueinander hin aufgestellt und den Zwischenraum mit Polstern aufgefüllt haben wollte. Er legte sich darauf und sagte: „Now I can relaxe and let go, I do Savasana now“.

Am Mittwoch, den 6. August, bevor er am folgenden Dienstag ins Krankenhaus gebracht wurde, saß Guruji nach der Women's Class morgens im Türrahmen auf der Terrasse in einem Liegestuhl, lag mit seinem Arm angewinkelt unter dem Kopf da und betrachtete zufrieden die Schüler/innen, die aus dem Institut strömten. Abhijata saß neben ihm. Wir verneigten uns vor ihm, wünschten ihm Gute Besserung und sprachen kurz mit seiner Enkelin. Guruji lächelte und Abhijata meinte, dass es ihm bald wieder besser gehen würde.

Am Mittwoch, den 13. August erfuhren wir aus einer Indischen Tageszeitung, dass Guruji den Tag zuvor ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er drauf bestanden Zuhause von seinem Hausarzt behandelt zu werden. Die Familie jedoch bat ihn, da sein Zustand stetig schlechter wurde ins Krankenhaus zu gehen und schließlich willigte er ein.

Eine Woche später, nachdem am Abend zuvor die Nachricht durchgedrungen war, dass Dialyse Spezialisten ihn bereits dreimal an die Dialyse angehängt und sein Körper diese nicht angenommen hatte, seine Nieren nicht wieder angefangen hatten zu arbeiten, waren wir sehr früh wach. Unruhig und besorgt wie es ihm wohl gehen würde, versuchten wir den Tag so normal wie möglich zu beginnen, doch eine gewisse Vorahnung lies uns nicht los. Nichts war so wie vorher und etwas Großes war geschehen. Unsere Vermieterin klopfte kurz nach 7:00 Uhr an die Tür und sagte uns, dass Guruji gestorben ist. Verwirrt fragte ich sie, ob sie sicher sei und sie nahm mich ohne mir zu antworten mitfühlend in den Arm. Sie wollte um 7:00 Uhr zum Unterricht gehen und hatte erfahren, dass Guruji seinen Körper verlassen hatte: "Er liegt aufgebahrt in seinem Haus, geht und verabschiedet euch von ihm, es wird sehr voll werden“. Indischer Pragmatismus. Ohne die wirkliche Tragweite dieser Worte auch nur annähernd zu verstehen, gingen wir mit Tränen in den Augen über die Straße. Am Institut war noch alles sehr ruhig, nur wenige wussten bereits von der traurigen Nachricht. Einige Schüler/innen verließen das Institut bereits wieder, mit Tränen in den Augen begegneten wir uns mit einem stummen und kurzen mitfühlenden Blick. Andere standen am Eingang und telefonierten und informierten Angehörige und Bekannte. Als wir näher kamen hörten wir Menschen weinen und sahen, dass Stühle im Hof zwischen dem Institut und dem Wohnhaus der Iyengars aufgestellt waren. Einige Schüler und Schülerinnen hatten Platz genommen und betrachteten ungläubig die ankommenden Menschen, saßen fassungslos und überwältigt an diesem Ort, an dem dieser große Meister, der seinen Körper als sein Instrument und Tempel betrachtete, so viel Zeit in seinem Leben verbracht hatte.


Das Weinen kam aus dem Inneren des Wohnhauses. Abhijata stand am Eingang und winkte uns heran, sie forderte uns auf einzutreten und nahm gefasst unsere Trauerbekundungen entgegen. Was für eine schwierige Aufgabe. Mehrere Familienmitglieder saßen weinend im Vorraum und nahmen unsere Beileidsbekundungen entgegen. Wir wurden angewiesen um die Ecke nach links ins Wohnzimmer zu gehen, in dem Gurujis Körper in einem weissen Leinentuch eingewickelt auf dem Steinboden aufgebahrt war. Nachdem er nachts um 3:15 Uhr im Krankenhaus seinen Körper verlassen hatte, wurde er nach Hause gebracht und dort aufgebahrt. Prashant saß zusammengekauert wie ein Häufchen Elend zu seinen Füßen, er wirkte sehr klein und unendlich traurig, Geeta und zwei ihrer Schwestern saßen weinend auf einer Bank neben dem Leichnam. Geeta konnte ihren Blick kaum von ihrem Vater abwenden und sah sehr müde aus. Der leblose Körper von Guruji wirkte sehr klein auf dem Fußboden, klein und dünn, leer und dieser Kraft und Präsenz beraubt, die er zu Lebzeiten hatte. Jedoch wirkte er auch sehr friedvoll und fast so als ob man ein zufriedenes Lächeln auf seinen Lippen erahnen könnte. Nun hatten wir die Gelegenheit uns von diesem großen Mann zu verabschieden, gingen auf die Knie und verneigten uns dankbar vor dem Lehrer, der unser beider Leben mit Licht erfüllt hat. Es war Zeit sitzen zu bleiben und zu verweilen, sich in Erinnerung zu rufen was für Veränderungen er bewirkt hatte, nicht nur in uns sondern in so vielen Menschen auf dieser Welt, mit denen wir uns in diesem Moment auf besondere Art und Weise verbunden fühlten. Tränen der Dankbarkeit liefen über unsere Wangen.
Wir begaben uns nach draussen auf den Hof und setzten uns auf zwei Stühle, beobachteten noch ein Zeit lang die strömenden Scharen an Menschen, die trotz der frühen Morgenstunden doch recht schnell von seinem Tod erfahren hatten und das Bedürfnis verspürten noch einmal, ein letztes Mal, diesem großen Mann die Ehre zu erweisen.
Wir erfuhren, dass die Verbrennung noch am selben Mittag um 13:30 Uhr auf dem Vaikunth Cremation Sadashiv Petz stattfinden würde und wir alle dazu eingeladen waren.

Um die Mittagszeit waren wir zurück am Institut, das inzwischen mit Menschen und viel Polizei überfüllt war. Die Hare Krishna Mandir Road war komplett abgesperrt und nur die engsten Familienmitglieder oder bekannte Personen wurden mit ihren Autos durch die Absperrungen vorgelassen. Wir blieben mehrere Stunden dort, in der Masse trauernder Menschen, die sich alle von B.K.S. Iyengar verabschieden wollten. Alle, die Familie, Lehrer/innen des Instituts, Angestellte, Schüler/innen, alle, die Guruji kannten und die durch und rundherum ums Institut ihr Tagesgeschäft machen, waren anwesend: Die Gemüseverkäuferin, der Kokosnuss Wallha, der Patanjali Statuen Händler, ….
Es wurden Pujas und Rituale vom Familienpriester abgehalten, zu denen sich alle außer den Familienangehörigen aus dem Zimmer, in dem Guruji aufgebahrt war, entfernen mussten. Ausdrücklich wurden wir aufgefordert zu bleiben und zu warten bis die Zeremonien durchgeführt waren, immer noch strömten Menschen in den Hof um sich von ihm zu verabschieden. Diese durften als der Raum wieder zugänglich war sich zuerst hineinbegeben und danach durften alle, die bereits bei ihm waren, sich nochmals verabschieden. Guruji lag dieses Mal gedreht, mit dem Kopf in die andere Richtung, und war über und über mit Blumenketten bedeckt, kaum zu erkennen unter einem Blütenmeer. Ein zweites und letztes Mal haben wir uns von ihm verabschiedet.

Guruji wurde auf eine Bahre gebettet und festgebunden, wieder mit Blumen geschmückt und von Priestern durch die Einfahrt heraus aus dem Institut getragen. Die Massen an Menschen mussten Platz machen und wurden gebeten vor dem Institut auf der Straße zu warten. Vor der Tür stand ein Krankenwagen, zahlreiche Reporter und Kamerateams standen herum, machten Bilder und filmten das ganze Szenario. Guruji wurde auf der Bahre in den Krankenwagen geladen und die meisten männlichen Familienangehörige nahmen darin Platz. Dahinter standen mit zusammengefalteten Händen die weiblichen Familienangehörige und darum herum viele Lehrer/innen des Instituts. Es erklangen laute Rufe: „Narayana, Narayana, Narayana". Viel später als ursprünglich geplant fuhr der Krankenwagen mit Blaulicht davon. Mit Autos und Rickshaws folgten alle zum Verbrennungsplatz Vaikunth, der im Süden der Stadt auf der anderen Seite des Flusses liegt. Am Eingang zu diese Stätte steht ein riesiges Tor mit Vishnu in einer Sänfte auf dem Rücken seines Reittiers Garuda auf dem Dach, das wir durchschritten, um zum Ort der Verbrennung zu gelangen.

Wir folgten dem Strom der Menge und fanden unter einem Dach umringt von zahlreichen Menschen in einem betonierten Boden eine eingelassene Senke. Der Leichnam Gurujis lag auf der Bahre neben dieser Senke, die Priester hatten alle erforderlichen Utensilien für die Zeremonien bereit gelegt, ein kleines Feuer brannte mit zerbrochenen Kuhfladen befeuert am Boden, etliche Packungen Ghee lagen dort und ein großer Krug mit Wasser stand daneben, zahlreiche Tüten mit aufgefädelten Blüten waren bereitgelegt, Räucherstäbchen wurden entzündet. Am Rande der versammelten Menge befand sich ein großer Stapel Sandelholz und jede Menge getrocknete Kuhfladen. Der Muni des Verbrennungsplatzes und der Familienpriester der Familie leiteten die Gesänge und vedischen Texte, die gesprochen wurden. Alle Männer der Familie waren nur mit Dhotis bekleidet und direkt an der Ausführung der Rituale beteiligt. Die Frauen der Familie hielten sich im Hintergrund, wurden einmal für ein Ritual in den Kreis der Priester und Männer berufen, zogen sich danach jedoch wieder zurück und betrachteten die Vorgänge mit Abstand. Guruji wurde auf Sandelholz, das zunächst durch die Hände der Anwesenden gereicht wurde damit jeder es einmal in Händen halten konnte und dann in der Senke aufgestapelt, gebettet und wieder mit Blumen geschmückt. Prashant musste mit einem schweren Tonkrug auf seiner Schulter dreimal links herum um seinen toten Vater laufen und bei jeder Umdrehung wurde ein weiteres Loch in den Krug geschlagen, aus dem das Wasser zu Boden floss. Zum Ende der dritten Runde hat er den Krug rücklings zu Boden geworfen, wo er auf dem Boden zerschellte. Zahlreiche Mantras folgten, in die wir auch einstimmten. Der Muni sang vor und die Menge nach. Die Blumen wurden wieder entfernt und der Leichnam mit getrockneten Kuhfladen, die gereicht wurden, zugedeckt. Viel Ghee wurde über Guruji geschüttet und Prashant hatte als Familienoberhaupt die Aufgabe den Leichnam anzuzünden.

Wir wurden von der Familie gebeten den Verbrennungsplatz zu verlassen, doch viele der Gäste verharrten regungslos und starrten in das Feuer. Es brauchte etwas Zeit die Tränen herunterzuschlucken und sich von diesem Anblick zu lösen. Die Schar der Menschen löste sich langsam auf und verteilte sich in alle Himmelsrichtungen. Jeder nahm seine ganz individuelle Trauer und seinen Schmerz einen wichtigen Menschen verloren zu haben mit in die laute und geschäftige Stadt hinaus.